Diese Texte entstanden im Frühjahr 1998 und erzählen von Jannis ersten Übungen mit dem sprachgesteuerten Computer.
lieber Computer!
Am besten verstehst du mich, wenn ich buchstabiere, dir also dieWorte auf einem Silbertablett serviere.
Samstag, ohne mit ihm zu rechnen, wie wohl er als mathematische Größe kaum noch Bedeutung erlangen konnte, oder, um es noch geschwollener auszudrücken: Die Woche bläht sich vom Montag an auf und erreicht kurz vor ihrem Ausklang ihre größte Ausdehnung, um dann schließlich am Sonntag kurz vor 1/2 acht-also genau bei der lottoziehung 6 aus 45 -wie eine Seifenblase zu zerplatzen.
Dienstag, nachdem wir den Montag geflissentlich übersehen hatten, war das Datum, an dem wir einen neuen Versuch wagten. Zu diesem Unterfangen hatten wir wieder den Computer eingeschaltet, um ihm munter- verbales-eigentlich großgeschrieben-indes eigentlich auseinander geschrieben-zu ,verabreichen-vergiß den Beistrich-, aber beachte die meisten Bindestriche.
Mittwoch kurz vor zwei beginnt die neue Lektion. Für heute haben wir uns zwar nicht viel vorgenommen, doch es wird schon manches dabei sein, das uns zur Freude gereichen könnte. Zum Beispiel allein schon die Geschwindigkeit, mit welcher wir uns heute bewegen. Vier Zeilen in nur fünf Minuten-welche Leistung! Bei deutlicher Artikulation ist sogar einen weitere Steigerung möglich. So werden wir vielleicht schon in einigen Wochen ganze Seiten innerhalb von wenigen Augenblicken vor uns aufgelistet sehen; und uns dann wundern, wie schnell das alles gekommen ist. Uns fällt zwar nichts mehr ein, doch es macht umso mehr Spaß, zu diktieren. Es geht nicht mehr um den Inhalt, sondern nur noch um die Form, um die Menge des Gesagten-also um Quantität statt um Qualität. Wir werden das meiste gar nicht mehr überblicken können und uns schließlich in heillosem Durcheinander vor lauter Buchstaben über die eigenen Sätze…
...” Derstessen”, wie die Wiener sagen würden.
Heute kommen wir hauptsächlich im Buchstabiermodus voran, was aber auch schon recht flott dahinfetzt (um es wieder einmal wienerisch aus- zudrücken).
Samstag, 14. März
oft ist es auch gar nicht einfach, einen gewissen Lautstärkepegel zu erreichen, um G esagtes auch optisch zu manifestieren, doch mit einer gewissen Übung sollte es bald auch auf Anhieb gelingen.
Am Bildschirm-Rand machen sich nun einige Insekten bemerkbar, welche einem Delirium tremens zur Ehre gereichen würden. Ich mache mir aber nichts daraus, und tue so, als ob sie gar nicht da wären.Schließlich verschwinden sie wieder unverrichteter Dinge auf dem Weg, den sie gekommen sind und den ich nicht kenne.
Vielleicht verrichten sie ihre Dinge jetzt woanders-ich hoffe es jedenfalls für sie, denn ich mag Insekten, einige zumindest, wenn auch nicht alle und nicht am Bildschirm. Wir kommen der Wahrheit Stück für Stück näher, sind aber immer noch meilenweit von ihr entfernt und es ist nicht abzusehen, wann und ob wir sie erreichen. Kryptische Ausdrucksweise hatte immer schon etwas für sich, besser gesagt für mich, sie läßt mehrere Deutungen zu, jedenfalls bei vorhandenen Phantasie-Reserven und/oder resourcen.
Dies zu verdauen bedeutet nichts für den gesunden wohl aber für den bereits von hinten und vorne bedienten Magen, warum man bei der Auswahl von Rezepten besonders vorsichtig sein sollte. Ich erinnere mich da zum Beispiel an ein aber wenn ich mir’ s genauer überlege-doch nicht. Kommen wir nun zu etwas ganz anderem.
ich sitze hier am weißen Hof
und schreibe neue Texte
und wenn ich einen fertig hab’
no folgt sogleich der nächste
(zu lesen mit böhmischem Akzent)
Jetzt noch eine Meldung aus dem Wirtschafts-Bereich: guter Rat ist teuer. Billig hingegen sind so manche Witze, die gleich wehrlosen Steppen-Tieren gerissen werden.
Gestern war der erste richtige Frühlings-Tag an dem ich den Mittag über in der Sonne gesessen bin und die feucht-warme Erde schnuppern konnte.
“in der Formulierung konkretisieren"lautete gestern die Formel zum Tag.
Es sollte ungefähr soviel bedeuten, daß Inhalte, die noch vage im Kopf herumschwirren durch’ s diktieren bewußter und somit überprüfbarer werden :
Mittwoch, 1. April 1998
es ist 10 Uhr und die Sonne scheint. Ich bereite mich seelisch schon auf das sitzen am Balkon um die Mittagszeit vor; die gehschule fiel dem stuhltag zum Opfer, ebenso die letzte schwellstromeinheit für den deltoideus statt etwas zu finden kann auch etwas stattfinden, was auch immer man daraus machen möchte, also das nur als Anstoß.
Donnerstag.
Draußen jubilieren die Vög lein, wie ich aber den Zwischenraum weg-bekommen kann sagen sie mir nicht.
Freitag, 3. April
Einen topfenstrudel Genossen. (Man beachte die unterschiedliche groß-und Kleinschreibung) (und betrachte das ganze als geflügeltes Wort unter Parteifreunden)
Nachtrag zu gestern: es endete damit, daß dem James (mündliche Fernbedienung für’s TV) die Batterien ausgingen und ich den Abend fernsehlos verbrachte-dafür aber gut und ausgiebig schlief.
Hatte übrigens auf dem Weg hierher das Glück einen Mann zu treffen, der mir 4 Stück r6 Batterien geben konnte. Er gab sich als Kantinen-Besitzer aus und meinte, das Geld könne ich ihm bis Montag schuldig bleiben. Sieht so aus als wäre der Abend geritzt, doch liegt es uns fern, irgendetwas zu verschreien. Genug davon.
Ich kam um 1/2 zehn und habe schon gar manches sätzlein unter-bringen können. Es bereitet mir ziemlich viel Vergnügen, hier zu sitzen und mich mit der Sprache auseinander zu setzen.
Im neuen Rollstuhl sitze ich übrigens recht gut, wenngleich ich noch zu kurz drinnen bin, um ein wirklich fundiertesUrteil abzugeben.
Ich bin gerade mit der suppination meiner rechten Hand beschäftigt und kann mich wieder über eine leichte Verbesserung freuen, welche hauptsächlich durch die nächtliche Lagerung mit der Schiene bedingt ist .
ein Mittwoch im April
wie viele kannst du zählen?
Drei hundert wären zu viel-
das will ich nicht verhehlen
4 sind es zumeist
und 5 von Fall zu Fall
vorausgesetzt man reist
nicht schneller als der Schall
als Ausnahme noch gilt
der Kalender in dem man blättert
der vor Wochen überquillt
über die man schon geklettert
man stolpert an die fünfzig Mal
über jenes Wort
und wenn es noch nicht Mai ist
dann sind wir ebendort
wo wir am Anfang waren
und der Frage die wir stellten
tritt der Mittwoch auf in Scharen?
ob das Dunkel wir erhellten? wir wissen es nicht.
Dienstag, 5. Mai
elektrischer Rollstuhl mit kinnsteurung seit gestern
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