Dr. Lucas-Michael Kopecky
Dr. Lucas Kopecky ist Ethnologe und PR-Manager
Evolution - Wohin?
Es gibt Wildenten, die schon so denaturiert sind wie wir Menschen. Als Single in einer Beton-Nische am Wasser des Schafbergbades lebend. Verschlafen um 1/2 10 vormittags den Kopf aus dem dunklen und warmen Federbett hervorhebend, um wegen der Störung durch vorbeischwimmende Frühaufsteher indigniert zu schauen. Den Kopf wieder einbettend weiterschlunzend. Vielleicht träumt sie davon in Schweden mit Tausenden anderen Wildenten Formation zu fliegen? Vielleicht würde sie lieber mit einer anderen Ente hier am Betonufer dieses Wassers sitzen. Oder sie will einfach nur ang´lahnt bleiben, so wie wir Desoziierten das häufig wollen.
Postscriptum für unsere deutschen Freunde:
Schlunzen: Mittelding zwischen Dösen + Schlafen
Ang´lahnt bleiben: von anderen Menschen verschont bleiben
PPS: Karls Kraus:
“Was die Deutschen und die Österreicher unterscheidet, ist die gemeinsame Sprache”
Worauf I steh?
274m Seehöhe, Blick über ganz Wien, aus dem höchst gelegenen Schwimmbad der Stadt. Wolkenverhangener Himmel. Atmosphäre hell und freundlich, gar nicht bedrohlich. Die Wolken signalisieren, dass sie schwanger gehen. Regenschwangere, doch freundliche Wolken. Frühphase. Ausreichend, dass sich potentielle Badegäste verweigern. Die Arbeiter im Bad in Siesta-Laune. Die Wolken signalisieren ein baldiges Arbeitsende. Leise summen sie Hans Mosers “Sperrstund is” ...
Doch dann. 5000 Hektoliter sauberes, blitzblaues Wasser. Nur für mich alleine. Spiegelglatte Wasseroberfläche. Ein großes Bett. Frisch bezogen. Eintauchen und sich räkeln. Es ist frisch, aber nicht unangenehm kalt. Es macht Freude, sich darin zu bewegen. Harmonie der Bewegung und Einklang zwischen den Elementen zu suchen.
Nach vier-, fünfhundert Metern wird das Unglaubliche für wenige Minuten wahr. Die Wolkendecke öffnet sich zögerlich. Ein kleines Stück. Sonnenstrahlen wittern eine Chance. Rückenschwimmend erblinzle ich mir die Geometrie dieses Lichts. Erahne darin Ikarus. Fürchte um ihn, denn bald werden ihn die Wolken verschlingen. Doch vorerst: Wonne pur.
Während des Duschens gleitet der Blick über die Stadt. Schön ist sie. Auch ohne Postkartenwetter. Vor allem von hier oben. Wenn man das Privileg hat, am helllichten Tag die Niederungen des Alltags dort unten für kurze, aber erfüllende Augenblicke hintanzustellen. Kraft auftanken. Achtung Welt, ich komme.
Ohne Geste
Kriegsgeschrei trollt sich grummelnd von dannen, einsam orakelt eine Friedenspfeife ins Himmelsblau,
malt Geheimschrift- und Fragezeichen. Eingestreute Comics stimmen versöhnlich.
Hoher Seegang irgendwo in den Weiten des Ichs - dort, unter bizarren Pfahlbauten, in denen der Kriegslärm zusammen mit den Chronisten der verlorenen Chancen haust.
Wortgefechte als Seins- und Seltsamkeit als Gefühlszustand.
Abendsonne am Horizont glättet die Wogen, zaubert eine stahlblau flimmernde Oberfläche und Momentaufnahmen der Unendlichkeit des status quo herbei. Ohne Chance auf einen neuen ungewissen Anfang.
Rebellion und Gebrüll in den Katakomben der Innenwelt, Gralswächter des Seelenheils werden gemeuchelt. Betroffenheit bei den Pompfüneberern scheintoter Gefühle. Behutsames Bergen stark unterkühlter Opfer.
Manche von ihnen fragen sich: Warum? Nun, wo bereits alles vorbei schien. Und wo der nahende Tod Befriedung versprach. Jetzt, gerade jetzt, regt sich Widerstand!?
Widerstand gegen die Brachlage üppig gesäter Zuneigung. Aufrufe zu Hege mit anschließendem Erntedankfest. Verfassung von Memoranden zur Festigung der Moral. Rege Betriebsamkeit in den Wandelgängen der Ganglien.
Computer werden angeworfen, Netzverbindungen hergestellt Als Kommunikation möglich wäre, geht das Licht aus. Warum bist Du schon wieder durchgeknallt? Bist Du nicht? Bist Du schon!
Was drückt mir auf den Magen?
Afghanistan
Wir sind aufgerufen, uns Gedanken zu Afghanistan zu machen.
Gerne, denn mich bewegt´s. Ich verbrachte dort eine wichtige Zeit meines Lebens. Sah die medial mit Inbrunst verteidigten Buddha-Statuen in Bamyan in natura. Vier Sommer lang immer wieder. Arbeitsbedingt. Ethnologische Studien in ebendieser Region.
Auch ich war sehr beeindruckt. Zum einen von den Menschen und ihrer damaligen Kultur. Zum anderen von den Buddha-Statuen und nicht zu vergessen, den vielen Höhlenwohnungen. In buddhistischer Zeit erlebte Bamyan vermutlich eine enorme kulturelle Blüte. Der Ort muss eine Bilderbuch-Idylle gewesen sein.
In den Siebziger Jahren war dies nur noch zu erahnen. Mit der Pracht war es nicht mehr weit her. Statuen und insbesondere die leichter zugänglichen Höhlenwohnungen waren in den Jahrhunderten muslimischer Herrschaft nachhaltigst devastiert worden. Dennoch, etwas von dem Flair war geblieben. Man spürte den Hauch des Besonderen. Dazu kommt, dass das Bamyan-Tal eines der fruchtbarsten weit und breit ist. Der über 5000 m hohe Koh-e-Baba liefert im Frühjahr genug Schmelzwasser und garantiert ungewöhnlich hohe Ernteerträge. Auch das ist besonders. Und die Buddha-Statuen spendeten dieser relativen Üppigkeit einen würdigen Rahmen.
Der zog anno dazumal reichlich Touristen an. Individualreisende 68-er Freaks genauso wie Pauschalreisende. Letztere wurden von Reisebüros aus Kabul nach Bamyan gekarrt. Dieses Business war fast ausschließlich in den Händen einer westlich orientierten Kabuler Oberschicht. Ethnisch meist paschtunischer oder tadschikischer Provenienz. In Sachen Religion Sunniten (soweit sie überhaupt an irgendwas glaubten, außer an Geld). Sie bauten Hotels in Bamyan und Band-e Amir und wickelten die Geschäfte sehr zur Zufriedenheit ihrer Kunden ab. Afghanistan praktizierte einen überaus liberalen Islam, in Kabul gab es eine kleine christliche Kirche und das Land präsentierte sich weltoffen und friedlich.
So auch in Bamyan. Doch unter der Oberfläche brodelte es. Die örtliche Hazara-Bevölkerung, ethnisch turko-mongolischen Ursprungs, religiös imamitische Schiiten mit spirituellen Führern in den schiitischen Zentren des Irak und des Iran, fühlte sich zu Recht über den Tisch gezogen. Der Profit zog an ihr vorbei wie eine fremde Karawane, die dreist und überheblich durch das eigene Dorf stapft und danach die bewässerten Feldflure zertrampelt. Die verhasste einheimische Elite, die für mehr als 200 Jahre andauernder Repression verantwortlich gemacht wurde, demonstrierte Ihren Wohlstand, machte sichtlich viel Geld und ließ bis auf vereinzelte Tagelöhne nichts zurück. Das Geschäft mit den Buddhas brachte der örtlichen Bevölkerung außer einer empfindlichen Verteuerung der Lebenshaltungskosten so gut wie nichts. Eines Tages fand man am Kopf des einen Buddhas einen Touristen mit durchgeschnittener Kehle. Grausame Symbolhandlung mit Warnungseffekt.
Der Sturz des Königs und die nachfolgende Putsch-Serie hat sukzessive alle verfügbaren Eliten des Landes verbraucht, auf die Straße gesetzt und wer es sich leisten konnte ist außer Landes gegangen. Die Staatsmacht hatte sich selbst diskreditiert. Einmarsch der Sowjets. Freiheitskampf “des afghanischen Volkes” (also von etwas, was es in seiner Heterogenität nicht gab), Aufrüstung der unzähligen Widerstandsgruppen mit arabischen Erdölgeldern und westlicher Waffentechnologie. Krieg als Dauerzustand. Erst gegen einen nationalen Feind, dann zwischen den großen Widerstandsgruppen, den kleineren, den einzelnen Patronagesystemen, Volksgruppen und nicht zuletzt gegen das bisschen Etwas, was von der Staatsmacht übergeblieben war.
Zwei Generationen von Männern, die außer Töten nichts mehr gelernt haben, gefangen im Kreislauf der Gewalt, dem kulturspezifischen und bisweilen mörderischen Diktat von Loyalitätsverpflichtungen und Ehrerhaltung hinterherhechelnd wie Mäuse in Laufrädern. Für die klassischen traditionellen Konfliktlösungsmechanismen war dieser aus allen Fugen geratene Bürgerkrieg einige Nummern zu groß.
Das Aufkommen der Taleban brachte eine für westliche Beobachter unerwartete Erfolgserie. Die von den permanenten Kriegshandlungen ausgehöhlten Menschen sehnten sich nach Frieden. Jahrelang hatte man sich auf keine politische Führung einigen können. Immer standen dem ideologische und personelle Rivalitäten entgegen. Mit den Taliban gelang es - wie fragwürdig die Interpretation auch sei - sich auf islamische Wurzeln als Basis zu einigen und auf der Basis eines religiösen Fundamentalismus sämtliche, dem Frieden entgegenstehenden islamisch-politischen Gruppierungen und personalen Netzwerke zu diskreditieren und zu entmachten. Eine eminent wichtige ideologische und strategische Grundlage für die Wiederherstellung des Friedens, die Restaurierung einer Staatsgewalt und die Wiedereinführung allgemein verbindlicher Gesetze. Auch wenn wir Westler diese abscheulich finden. So inakzeptabel viele der von den Taliban vertretenen Werte sind (auch und insbesondere aus der Tradition einer mystisch-muslimischen Sichtweise), so sehr waren die Taliban vermutlich eine Notwendigkeit für das Land, dem der Konsens und die modernen Bildungseliten abhanden gekommen war.
Wir wissen, dass das gesellschaftliche Ideal der Taliban für Frauen alles andere als erfreulich ist. Aber 25 Jahre Bürgerkrieg, in denen Sie die Hauptlast zu tragen hatten, waren das noch viel weniger. Sie waren es, die ihre Krieg spielenden Männer ersetzen, mit dem Leid verstümmelter und sinnlos gestorbener Männer leben und hungrige Kinder großziehen mussten. Für sie hat der Frieden Priorität. Selbstverwirklichung ist ein Wort, welches es im Sprachschatz der vielen Sprachen Afghanistans nicht gibt - weder für Männer, noch für Frauen. Eine Befriedung des Landes und die Wiedereinführung ziviler Strukturen ist das Gebot der Stunde. Die Taliban sind scheints die einzigen die das können. Und auch sie werden irgendwann von der Geschichte eingeholt werden.
Und die Buddha-Statuen. Ach ja. Kulturelles Erbe der Welt. Von der hat man nach 25 Jahren Bürgerkrieg in Afghanistan keine gute Meinung. So wenig wie zu essen. Es fehlt an allem. Vor allem an der satten Zufriedenheit, mit der man sich zum Schützer eines kulturellen Welterbes aufspielen kann, das die Bevölkerung dieses Landes kaum interessiert. Ein Erbe, an dem sich aber eine Differenz zur Norm gewünschter Denkmuster festmachen läßt. Wenn man will. Und die Taliban-Führung scheint zu wollen. Auch wenn es schwachsinnig ist, die ohnehin längst verstümmellten Statuen weiter zu zerstören.
Afghanistan ist nach dem Abzug der Sowjets für die Welt uninteressant geworden. Kein Marshall-Plan. Keine Minenräumkommandos. Nichts. Wozu auch? Was gibt es da zu holen? Ach ja, da war noch was: Kulturgeschichte. Scheiß drauf. Nach dem Leid der letzten Jahrzehnte bräuchten die Menschen seitens unserer politischen Führung ein großzügiges Angebot, vor allem für wirtschaftliche und medizinische Hilfe. Feinfühlig und mit Respekt vor ihrer muslimischen Kultur. Ob uns deren Ausprägung passt oder nicht. Die Welt hätte dann zwar ein paar Kulturdenkmäler verloren, aber Millionen von Menschen - und damit vielleicht sogar kulturgeschichtlichen Relikten - eine Chance gegeben.
Tage danach
Die orientalischen Weisen sind verklungen. Eine spontane Session befreundeter Musiker haben sie verdrängt. Das ist gut so. Die Gegenwart hat wieder Platz. Vielleicht sogar die Zukunft. Auch so trägt Musik. In Kombination mit Freundschaft ist sie ein besonderes Elixier. Sie füllt das müde pochende Herz.
Dennoch. Etwas ist geblieben. Vergangenheit als Vergleichsmaßstab. Und der führt zu Reue, Unbehagen und Ärger.
Reue, weil auch ich mich hin und wieder über die geschäftstüchtige Anmache der tunesischen Tourismus-Glücksritter mokiert habe. Weil ich sie nicht ausreichend vor ähnlichen Kommentaren meiner Gesprächspartner in Schutz genommen habe.
Unbehagen darüber, dass wir ein Vielfaches an Anmache tagtäglich im Fernsehen apathisch hinnehmen. So schnell können wir gar nicht weiter zappen, dass wir nicht schon eine Ladung abbekommen hätten. Pikiert über zwischenmenschliche Kontaktanbahnung, doch Beine und alle Körperöffnungen breit, für alle möglichen Arten werblicher Penetration durch irgendwelche Prominente, durch mehr oder weniger subtil aufgebaute Botschaften. Sie alle hämmern in die ausgelaugten Schädel: kaufe, kaufe, kaufe, mehr, mehr, mehr! Wie harmlos ist dagegen das freundliche „Hallo! Deutsch? Englisch? Kommen Sie – nur gucken, gucken nix kosten!
Ärger über den Schwachsinn, den wir zwischen den Werbeblöcken hinzunehmen gewillt sind. Wenn die Birne schon mal weich ist, muss man sie auch weich halten. Rappelt man sich gerädert auf, rast schon wieder eine Stampede von Sitcoms und durch die Gegend ballernden Marionetten über einen hinweg. Kanalwechsel. Dito. Verzweiflung und der Wunsch woanders zu sein. Doch wo?
Es liegt mir ferne, geringer industrialisierte Länder zu romantisieren. Deren oberflächliche Idylle trügt stets. Im Alltag geht es um Kohle & Besitzstände. Um den besseren Deal. Allerorten. In allen Systemen. Tagein – Tagaus.
Okay, die europäischen Industriestaaten erreichen mit der Kombination erstklassiger beruflicher Qualifikation ihrer Bürger (als Arbeitnehmer, Selbständige, Scheinselbständige, Arbeitslose) und der Utilisierung des enormen Restpotentials an menschlichem Schwachsinn (Konsumenten) ein beachtliches Wirtschaftvolumen. Sie finanzieren damit ein veritables Sozialsystem. Respekt. Ehrlich. Die Bürger anderer Länder können davon nur träumen. Und sie tun es. Ausgiebig.
Was sie zumeist nicht sehen, ist der hohe Preis, der dafür zu zahlen ist: Wir schaffen zu Lasten schöngeistiger, sozialer und innerer Werte den kaltschnäuzigen „homo ökonomicus“ (vor dem mir graut). Der dreht unentwegt an der Spirale von Leistungssteigerung und Effizienz (Zeitmanagement-Kurse werden im übrigen auf großen Transparenten jetzt auch schon auf der Insel Djerba angeboten). Die Geschwindigkeit nimmt Atem beraubend zu. Wir bewirken so jährliche Steigerungen des Wirtschaftswachstums und fahren gleichzeitig das Sozialsystem, die vielleicht wichtigste soziokulturelle Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, drastisch zurück. Toll.
Unser Zeitgeist fördert das Geschäft. Wohlstand schafft Frieden. Regional. Besänftigt die Gemüter. Derer, die partizipieren. Die übrigen Brüder und Schwestern - und einige von uns, denen das nicht genügt - werden auch in Zukunft von Sonne und Freiheit träumen. Und das gelegentlich einfordern. Dann wird die Zeit eine Pirouette drehen und wir werden demütig vor ihr das Haupt neigen.
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